Bilder im Feuer - von Bernd Karwath

1. Weil er da ist

Auch für Könige kommt die Zeit der großen Müdigkeit: wenn das Gold des Throns zu Messing wird und Seide ihren Glanz verliert. Wenn Edelsteine nicht mehr leuchten und dem Eis der Arktis gleichen. Wenn Worte aus der Menschen Mund wie Narrenschellen klimpern und die Dinge nicht mehr echt sind – selbst die Sonne nur noch Kupfer und die Seeluft nicht mehr rein. (The Mirrors of Tuzun Thune. In: Robert E. Howard (REH): Kull. Exile of Atlantis. (KULL) New York 2006, S. 55. Übersetzungen englischer Quellen im Artikel vom Autor.)
There comes, even to kings, the time of great weariness. Then the gold of the throne is brass, the silk of the palace becomes drab. The gems in the diadem and upon the fingers of the women sparkle drearily like the ice of the white seas; the speech of men is as the empty rattle of a jester’s bell and the feel comes of things unreal; even the sun is copper in the sky and the breath of the green ocean is no longer fresh. (KULL, S. 55.)


Der diese Art von Sein beschreibt, etwa im September 1927, ist kein Mensch mittleren Alters, sondern einundzwanzig. Damit zeichnet sich schon das Rätsel ab, vor dem wir stehen und dem mit biographischen Fakten nicht beizukommen ist.
      Jack Scott (1909 – 2003), langjähriger Redakteur der Lokalzeitung The Cross Plains Review und mit Howard beruflich in Kontakt, als dieser 1925 Artikel über den (zweiten) Ölboom verfasst, berichtet, Howard sei "für seine Mitbürger mehr oder weniger ein Rätsel [enigma]" gewesen. (Jack Scott/Bernd Karwath, 6.10.1998, 1 S.) "Shirley, du bist ein wirkliches Rätsel [enigma]", heißt es 1849 im gleichnamigen Werk von Charlotte Brontë (1816 – 1855), das in der Art einer fiktiven Biographie ihre Schwester Emily (1818 – 1848) porträtiert. (Charlotte Brontë: Shirley. Ware, Hertfordshire, 1993, S. 344.) Ich möchte Jack Scotts Aussage ergänzen durch die von Howards Freund Thurston Torbett aus Marlin, der die Handlung einer gemeinsamen Story, A Thunder of Trumpets (Weird Tales (WT), Sept. 1938), entwarf: "Ich empfand sofort eine starke Sympathie [strong liking] für Robert, als ich ihm das erste Mal begegnete. Mir erschien er niemals wie ein Fremder." (Briefkopie Frank Thurston Torbett/Lyon Sprague de Camp, 28.5.1978, S. 2.) Torbett ist einige Jahre älter als Howard und studierte in Kalifornien drei Jahre lang Kunst. Onkel und Vater leiten ein auf Rheumabehandlung spezialisiertes Sanatorium, das auch Howards Mutter besucht. Torbett weiter: "Er schien von sehr guter Wesensart [very good disposition] zu sein, gutmütig, umgänglich und ausgesprochen liebenswürdig [a very likable personality]. Hochintelligent." (Briefkopie F. T. Torbett/Jane Whittington Griffin, 16.4.1978, S. 1.)
      Howards Protagonisten, wenn sie in Bedrängnis sind, nehmen keine defensive Haltung ein, sondern springen mitten ins 'Gewühl' und attackieren jene, die glaubten, leichtes Spiel zu haben. Und verlieren sie einmal den Boden unter den Füßen und stürzen oder drohen zu stürzen, verlieren sie ihr Schwert ebenso wenig wie Bergsteiger George Mallory seinen Eispickel ... Wollen wir uns Gedanken stellen, die in der Lage sind, einen Eindruck von Howards Innenleben zu geben, dürfen wir nicht von Datum zu Datum schreiten, sondern müssen an verschiedenen Stellen fast gleichzeitig sein – uns vor und zurück bewegen und biegsam zur Seite, Zusammenhänge erkennen und ein ganzes Netz von Ursachen und Wirkungen berücksichtigen. Das sind Bewegungen in einem Ozean von Bewusstsein, den Lems orbitale Beobachter in Solaris (1961) von außen zu sehen glauben: wie er 'protoplasmatisch' immer neue Mikrowelten – Innenwelten – gestaltet.
      Als der spätere Everest-Bergsteiger George Mallory 1912 sein Buch Boswell the Biographer veröffentlicht (Biographie über einen Biographen, im Londoner 'Hausverlag' Charlotte Brontës), schreibt er, es nicht als Lebensgeschichte intendiert zu haben, sondern "zur Ergründung von Boswells Wesensart [as ... an explanation of his character]". (Zit. n. Dudley Green: Because It's There. The Life of George Mallory. Stroud, Gloucester-shire, 2006, S. 48.) Constance Fenimore Woolson (1840 – 1894), die Großnichte des Au­tors der "Lederstrumpf"-Geschichten, spricht in einem Gedicht An gewisse Biographen (1878) davon, nicht mit kurzsichtiger Seele die öden Quadratzentimeter eines Berges zu mikroskopieren, sondern Worte für seine Konturen und seine Größe zu suchen: das gibt der Knappheit dieser Seiten den Vorzug einer Tugend.
      Verwirklichen lässt sie sich allerdings nicht, wenn man einen Haufen von Details zusammenträgt – das ergäbe Geröll, die Konturen kämen ins Rollen, und vom Berg blieben nur von Blatt zu Blatt verstreute Steine übrig – ein Kieselgeklimper aus Daten und Fakten, eine anorganische Rezeptur zum Erwerb oberflächlicher Griffigkeit. Dabei geht es doch um den Geist von Schrift, der sich gerade nicht als Mosaik von Buchstaben versteht, nicht als Summe von Teilen und Höhenmetern, sondern – eben als Berg. (Hat ein Berg ein Inneres? Ist das Innere der Berg? Sind Berge im Menschen die Höhenzüge einer für Stacheldraht und Zäune unzugänglichen Fantasie?) Ein vielschichtiges Ganzes und keine Pixel, gewählt nach Abrufhäufigkeit: Gedanken, die sich dem zu nähern versuchen, was Robert E. Howard (1906 – 1936) dachte. Wobei wir, da Winds of Time ein Gedichtband ist, die humoristischen Werkflanken ausklammern. Nicht jedoch die Quellenangaben – dem reizbar scheuenden Auge zum Trotz, der Nachprüfbarkeit freundlich verpflichtet. (Ist hinter einem Zitat keine Quelle angegeben, gilt die Quelle des vorhergehenden Zitats.)
      Wollen wir uns mit Howards mentalem Innern vertraut machen, geht es um ein Bild von Bewusstsein, das sich dem Fantastischen annimmt und darum selbst fantastische Züge hat: eine Reise "ins Unbekannte", wie die von Catherine Moores (1911 – 1987) Jirel in Black God's Kiss (WT, Okt. 1934). (Catherine L. Moore: Black Gods and Scarlet Dreams. London 2002, S. 46.) Howard korrespondiert mit der noch jüngeren Kollegin aus Indianapolis, einer Bankangestellten, die seine mythisch-poetische Gabe teilt. Sprachenkenner Farnsworth Wright (1888 – 1940; Redakteur von WT, 1924 – 1940), der "Worte im Mund" rollt "wie alten Wein", weiß schon, was die Stunde geschlagen hat, als 1933 Shambleau (WT, Nov. 1933) auf seinem Schreibtisch landet und er den ersten Jahrgang C. L. Moore entdeckt. (E. Hoffman Price (EHP): Farnsworth Wright. In: Robert Weinberg: The Weird Tales Story. Berkeley Heights (N.J.) 1999, S. 9.) Völlig aus dem Häuschen, wie der zufällig vorbeikommende Edgar Price (der uns noch im letzten Kapitel begegnet), verkündet er einen "C. L.-Moore-Tag" und schließt das Büro! (Ibid., S. 37.)
      Moore würde ihrem Kollegen Price diese Anekdote Jahre später gern glauben, doch überwiegt der autorenirdische Zweifel an redaktionshimmlischen Lustbarkeiten. (EHP: Farnsworth Wright. In: Weinberg, 1999, S. 12.) Howard erkennt die 'Schwester im Geiste', lässt sie Manuskripte über die Schwarze Agnes lesen (erste Hälfte 16. Jahrhundert) und ist von ihren Geschichten so begeistert wie sie von seinen. (Auch er, wie Wright, gern "trunken" von "geschriebenen Worten". REH/Howard Phillips Lovecraft (HPL), erh. 22.9.1932. In: Glenn Lord (Hrsg.), mit Rusty Burke, S.T. Joshi und Steve Behrends: REH – Selected Letters 1931 – 1936 (SL 2), West Warwick (R.I.), März 1991, S. 21. "Die gedruckte Seite war wie Wein für mich." REH/HPL, ca. Mai/Juni 1933. In: SL 2, S. 54.) Künstlerin Margaret Brundage (1900 – 1976) reagiert auf die motivischen und titelklanglichen Parallelen von Black Colossus und Black God's Kiss, indem sie zwei verwandt empfundene Titelbilder malt, die zu ihren inspiriertesten zählen (neben dem weiblichen Vampir für WT, Okt. 1933): archetypische Fügungen Stein gewordener Macht, an deren zeitlose Kryptik sich die Flamme des Lebens schmiegt.
      Von Howard zu "toward", zu etwas hin – auch zu kreativen Verwandtschaften. Der Berg steht nicht allein, und die sichtbar werdenden Höhenlinien gehören zu einer Karte, die Länder der menschlichen Seele zeigt. Steht der Berg auch in Analogie zu einem Bewusstsein, das den Berg an Jahren sieht, auf dem wir stehen – den "Berg menschlicher Geschichte und Kultur, den andere in ungezählten Jahrtausenden" errichtet haben? (Ivar Lissner: So habt ihr gelebt. Zürich 1961, S. 11.) "Comrado mio, wir stehen am Gipfel der Zeitalter [at the peak of the ages]", schreibt Howard seinem zwei Jahre jüngeren Freund Tevis Clyde Smith (1908 – 1984; Briefkopie REH/T.C. Smith (TCS), 14.4.1926, S. 2.) Clyde Smith besitzt eine kleine Druckpresse, gibt zuerst an der Brownwood High School, wo Howard 1922/23 die 11. und letzte Klasse besucht, die Schülerzeitung The Tattler heraus (tattler = Schwätzer: Smith nimmt wirklich kein Blatt vor den Mund und lässt ihn sich auch nicht verbieten), außerdem eine Amateur-Zeitung, das All-Around Magazine, und seit Herbst 1925 die Schülerzeitung des Daniel Baker Colleges, den Daniel Baker Collegian. Seit 1923 schreibt Ho­war­d ihm Briefe. Hier weiter der zeitreisende Bergsteiger, 1926:

   "Unsere Füße treten die Zinnen der Jahrhunderte. Siehst du's nicht? Schau! Zahllose Äonen sind vergangen! Zahllose Äonen werden folgen! Im Schlaf der Jahrhunderte ruhen vergessene Könige; Zeitalter ruhen ungeboren im Schoß des Unendlichen. Das Heute gehört uns! Wir müssen der Zeit in die Mähne greifen, rasch und mit starker Hand, denn die Zeit vergeht wie der Wind in der Nacht. Lebe! Jede Stunde, jede Minute. Morgen in hundert Jahren werden achtlose Füße unseren Staub aufrühren, und wir, die lebten und lachten, uns mühten und vergingen, werden ihnen nichts bedeuten." (Ibid., S. 2.)

      Niemand kann wissen: Howard greift von da an nur noch ein Jahrzehnt lang dem Heute "in die Mähne". Aber in dieser Zeit hat er die Visionen von James Elroy Fleckers (1878 – 1967) blindem, altem Mann in A Miracle of Bethlehem: "Auf dem Meer der Zeit, weit draußen, / Segeln wie Schiffe die Königreiche, und viele Jahre / Lösen sich auf vor ihnen und werden zu dunstiger Gischt: / Dahinter Nebel – und wenn er sich hebt – / Genug – nur fort! – dort wär ich gern!" (James Elroy Flecker: Forty-Two Poems. www.kessinger.net – USA o.J., S. 47.) "Fische sagen", schreibt Rupert Brooke, der H. G. Wells persönlich kennt, "sie haben ihren Fluss und Teich [Fish say, they have their Stream and Pond]; / Doch ist noch etwas dahinter? [But is there anything Beyond?]" (Rupert Brooke: The Collected Poems. London 1992, S. 298.) Ja, ein Gedanke: the fish are pond-ering of a Beyond. Die Fische im Gedankenteich denken an ein Jenseits.

(Auszug aus Bernd Karwaths 69-Seiten-Essay Bilder im Feuer aus dem zweisprachigen Robert-E.-Howard-Gedichtband Winds of Time.)

© Bernd Karwath