Archaeopteryx

Archaeopteryx


Laternen stehen schwarz im Regen, neben Häusern, die kein Licht erhellt. Durch Wiesen abseits der Straße windet sich ein Weg. Links und rechts schwanken Schattengestalten, wie Geister entwurzelter Bäume. Zwischen silbrig eiternden Wolkenrändern schwimmt ein gedunsener Mond. Sein dunstiger Schein lässt Hügel erahnen - Kadaverwälle von Finsternis. Ein Blitz zerteilt den Himmel. Millionen von Regentropfen schimmern wie festgefroren. Donner fällt dröhnend ins Dunkel. Erinnerungen erwachen.

*

Ich sehe wieder den Weg vor mir: eine glei­ßend weiße, staubige Spur in den felsigen Wogen der Hügel, als wollte sie ein Land erreichen, das auf keiner Karte stand. Ins heiße, bleiche Blau des Himmels stiegen kreisende Bussarde auf. Zuerst sahen sie aus wie der Bumerang, den Jack zu werfen pflegte. Dann wurden sie immer kleiner und kamen nicht zurück.

Der Weg spürte dem Lauf eines Flusses nach, der am Ge­stein geschürft und es fantastisch geformt hatte, bis er ausgetrocknet war. Jeder Fels hatte einen Namen. Jack und ich, wir kannten sie alle. Die Zy­klopenburg. Die Trojanische Mauer. Das cimmerische Kliff. Das skäische Tor.

Zwischen den Harpyien war ein Spalt im Fels. Schlüpfte man hindurch, kam man zur Acheronschlucht. An ih­rem Ende führte die Atlastreppe mit steilen, natürlichen Stufen zu einer Höhle, die man von unten nicht sah.

Das war unsere Höhle. Der Olymp der Freundschaft von Jack Lamoni und Jeff Kelly.

Wir entdeckten sie im Sommer 1916. Jack blieb am Fuß der Felsentreppe, ich stieg die Stufen hinauf. Als ich die Öffnung fand, rief ich hinab. Dann trat ich in die Höhle: aus dem Mittag wie in Mitternacht.

In der Schwärze glommen zwei Augen.

Augen, die alles sahen: wie ich am Gitter des Luftschachts kniete, über dem Keller, hinter dem Haus. Ich streifte sie vom Finger ab und ließ sie durch das Gitter fallen. Sie hatte keine Flügel mehr. Das Netz begann zu schwingen. Aus einem Eck des Schachtes huschte ein Schatten hervor. In Bewegung sah er noch grösser aus. Er umarmte die zappelnde Fliege. Dann kroch er mit ihr davon.

Von draußen kam Jacks Stimme, für mich unendlich fern. Die glühenden Punkte bewegten sich, als in der Stille ein Streichholz zischte. Licht fiel flackernd auf Felsgestein. Ein leises Knurren erklang und dann ein zorniges Grollen. Ein langge­streckter Schatten raste an mir vorbei.

"Ein Luchs!", sagte Jack und stützte mich. Mir zitterten die Knie. "Alles okay, Jeff?"

"Ein L-Lästrygone!", stotterte ich.

Die Spannung wich. Wir lachten. Wir lachten immer lauter, bis der steinerne Olymp bacchantisch widerhallte.

*

Unsere Eltern waren fast gleichzeitig nach Glenville ge­zo­gen. Seine von der Westküste, meine von der Ostküste, als wollte das Schicksal zwei Flügelspitzen miteinander verbinden. Der Ort, wo sie sich berührten, war für die Welt vergessen - eine kleine Welt für sich. Wir entdeckten ihre Größe und erlebten Sommerferien, die vorher nicht und später niemals schöner waren. Wir er­forschten das Land der Sagen, lesend und zu Fuß, und taten es, als wüssten wir, dass uns nur dieser eine Sommer blieb. Jeder Tag war eine Verheißung, jeder Morgen ein neues Abenteuer mit Aussicht auf Entdeckung. Diese Aussicht war immer da, köstlich und frisch wie die Brausestengel in Barneys altem Drugstore, verlockend wie das Gleißen von etwas Spiegelndem in der Ferne. Nur einmal, ein einziges Mal, wurde die Freundschaft erschüttert.

Jack hatte eine Felsplatte gefunden, auf der sich die feine Versteinerung eines kleinen Vogels zeigte. Die Federzeichnung der Schwingen war wunderbar erhalten ge­blieben, als hätte der Tod sie im Flug ereilt.

"Wow!" stieß ich hervor.

"Was meinst du, was das ist?" fragte Jack.

"Ich werde Dad fragen! Er kennt sich aus in Paläon­tologie."

"Palo was?"

Ich erklärte es ihm. Jack blinzelte.

"Hilf mir mal!"

Ich packte mit an. Wir trugen den Stein zur Hadespforte, einer gähnend schwarzen Kluft im Sonnenschoß der Felsen.

"Ich lass dich wieder fliegen", sagte Jack - und stieß den Stein in die Tiefe. Ein, zwei Sekunden vergingen, bis der Knall des Aufschlags kam, als wäre mein Herz zersprun­gen. Ich hätte Jack umbringen können ... Später vertrugen wir uns wieder.

Als der Sommer zu Ende ging, zog seine Familie nach Chicago. Im Herbst desselben Jahres, einem langen, öden Herbst, verließen auch wir die Gegend und zogen weiter nach Westen.

*

Blitze erhellen Felsen, als hätten Titanen sie aufgetürmt. Das Erzgeschmetter des Donners geht über in dumpfes Ru­moren.

Am Abend vor Jacks Weggang gab es auch so ein Gewitter. Ich kam tropfnass in die Höhle. Am Boden stand eine Kerze. Sie war fast abgebrannt. Daneben lag ein Zettel. Ich sehe die Botschaft noch vor mir.

     Ich will keinen Ab­schid.
        Die Erwachsenen verabschiden sich.
           Dann vergeßen sie.
              Wir treffen uns hier, egal was passirt.
           Genau in 20 Jah­ren!
        Was bedeutet uns die Zeit?
     Viel Glück! Jack

Nacht ist Nacht und Regen Regen geblieben. Ich aber habe Mühe, mich durch den Spalt bei den Har­pyien zu zwän­gen. Der Strahl meiner Taschenlampe dämmt das Dunkel der Acheronschlucht und bringt den Regen zum Funkeln.

Die Stufenfolge der Atlastreppe ist mir noch immer vertraut, nur sind die Stufen kleiner geworden. Auf den Platten zerschmettern Tropfen und zerstäuben zu schwebendem Dunst. Die Felsen sind so schattenhaft wie die Tiefen der menschlichen Seele. Als ich die Höhle betrete, leuchtet mir jemand entgegen. Ich senke die Taschenlampe.

"Bist du das, Jeff?"

Er fragt es, als sei er der Geblendete.

"Ja."

Ein Mann in nassem Trenchcoat sitzt an der Rückwand der Höhle. Sein Gesicht ist mir fremd und vertraut zugleich, bewahrt und verändert von Zeit. Die Brauen sind dichter, die Wangen noch glatt. Eine Narbe am Kinn, um die Augen Schatten. Ich setze mich ihm gegenüber. Er bietet mir Feuer an.

"Nein danke, ich rauche nicht."

Er zündet sich eine Zigarette an und lässt das goldene Feuer­zeug in seiner Tasche verschwinden.

"Erstaunt, dass ich gekommen bin?"

"Ich glaube schon."

"Bei dir", sagt er, "war ich mir sicher."

Zigarettenrauch schwebt zwischen uns.

"War's dir arg, von hier weg zu müssen?", frage ich.

"Nicht lange. Erin­nerst du dich an den Luchs? Den hat's hier auch nicht ge­hal­ten."

"Aber vielleicht sind die Schatten der Götter noch hier, ihre Waagschalen und Lose ..."

"Das Leben schert sich einen Dreck um Götter und Dich­ter! Träume sind etwas für Narren!"

Ich greife in die Manteltasche und hole es hervor. Ein Bruchstück, das ihn sprach­los macht. Ich lege es zwischen uns. Er hebt es auf und betrachtet es: Gefiederstrukturen von Flügeln, die noch im Wachstum begriffen wa­ren, als die Zeit be­gann, sie in Stein zu hauchen.

Der Stein zerbrach. Die Flügel nicht.

"Archaeopteryx!"

Sagt er. Das alte Lächeln ...

"Das hast du nicht erwartet!"

"Jack, er ist aus dem Hades zurückgekehrt - mit Namen auf seinen Schwingen!"

"Namen?"

"Die Namen der Toten auf deinem Weg!"

Die Dienstwaffe in meiner Hand fühlt sich fremd an, obwohl ich sie seit Jahren trage. Er drückt die Zigarette aus. Ich höre ihn nicht kommen: den Einäugigen, der mich niederschlägt, entwaffnet und mich fesselt. Ein Zyklop mit Handschuhen. Jacks Stimme dringt durch den Schmerz.

"Okay, Phil, du kannst gehen!"

Polyphem verlässt die Höhle.

*

"Warum, Jack?"

Die Karteikarte im FBI-Archiv hat alle Fakten verzeichnet. Aber ich kann sie nicht in Einklang bringen mit dem Jungen, den ich kannte.

"Warum was?"

"Warum du so geworden bist!"

Al­kohol­schmuggler, Schutzgelderpresser und mehrfa­cher Mörder. Die Opfer: Mitglieder rivalisierender Banden. John J. Lamoni, genannt Jay Jay: Kopf der Lamoni-Bande.

Mein Freund Jack.

Er kramt eine alte Kerze hervor. Als sie brennt, lässt er Wachs zu Boden tropfen. Er stellt die Kerze darauf und macht die Taschenlampe aus.

"Die ist noch aus Barneys Drugstore ..."

Die Worte tropfen in mein Gedächtnis. Der alte Barney. Die quietschende Tür. Der Geschmack von Brau­sesten­geln. Rote, blaue, gelbe, grüne, kühl und prickelnd auf der Zunge. Sommerschatten, süß im Mund. Er holt eine Automatik hervor, nimmt die Patronen aus dem Magazin und lässt sie in der Manteltasche verschwinden. Die Fesseln nimmt er mir ab. Warum?

"Ich verließ das Reich der Narrenträume. Und weißt du was? Sie fehlen mir. Die Götter und Gedichte. Das Land, in dem die Ferne ein Füllhorn neuer Schätze barg. Wo Freundschaft nicht verblasste. Stattdessen Streit und Misstrauen, Machtgier und Intrige! Ich kam in eine Sackgasse, aus der es kein Zurück mehr gibt."

Seine Worte sind es, die mich entwaffnen.

"Es ist noch nicht zu spät, Jack", höre ich mich sagen. "Du kriegst eine faire Chance! Wir wollen den Banden das Handwerk legen ..."

"Schluss mit dem Gerede!"

Im Eingang steht Polyphem - mit meinem Dienstrevolver. Der Lauf ist auf Jacks Brust gerichtet.

"Du lässt dich mit den Bullen ein! Angelo hat recht gehabt!"

Er spuckt aus. Sein Grinsen erinnert mich an ein Pferd, das den Reiter abgeworfen hat.

"Mit der Linken die Kanone - los!"

Jack wirft sie ihm zu Füßen. Polyphem hebt die Waffe auf, ohne uns aus den Augen zu lassen. In der Linken hält er Jacks Automatik, in der Rechten meinen Revolver. Ei­ne Windbö krallt nach der Ker­zen­flamme, Schatten springen umher. Ein Blitz zuckt aus dem Revolver. Donner dröhnt in der Höhle. Während Jack auf die Kerze kippt, klickt die Automatik.

Ich springe, ein Luchs im Sprung, und meine Pfoten werden zu Fäusten. Zähne und Rippen brechen. Wir taumeln auf den Felssims oberhalb der Treppe. Wind und Regen ringen mit. Blitze reißen den Fels in mörderisches Licht. Ich stoße sein Gesicht zurück, der Schädel schlägt auf Stein. Ein Schuss jagt in die Dunkelheit. Er stürzt und teilt auf den Stufen das Schicksal der Regentropfen.

In den Wolken taucht eine Öffnung auf mit dem glühenden Auge des Mondes. Es schaut ins Höhleninnere.

Jacks Lippen bewegen sich. Sein Blick braucht keine Worte.

Ich gebe ihm den Stein.

     Ich will keinen Ab­schid.

Seine Finger berühren die Flügel - und sie schlagen im Wind der Ewigkeit.

* * *