Bücher und Comics restaurieren - ja oder nein?

Silver Age Comics, Bollmann Wunderbücher, Tim Casterman Alben

Miki Egér vorher
Mike Egér Buchrücken
Miki Egér nachher


Auslöser für dieses Hobby war vor einigen Jahren ein Die Waldmännlein und König Neptun, welches ein "Profi"-Restaurator verunstaltet, äh restauriert hat und das mir in einem Comic-Antiquariat zum Kauf angeboten wurde. Vom Original-Buch war eigentlich nichts mehr zu erkennen, die Vorder- und Rückseite des Bollmann-Buches war ausgeschnitten und auf einen grauen Bucheinband geklebt worden. Dies löste bei mir einige Gedankengänge aus. Hängengeblieben war dann ein einziger Gedanke: was soll das? Das hat ja nichts mehr mit dem Original zu tun, weil man sich damit nicht mehr vorstellen kann, wie dieses Buch im Original ausgesehen haben muss. Und somit machte ich mich daran, mein eigenes verunstaltetes Waldmännlein (Rücken fehlte, verschmutzt, etc.) wieder so herzustellen, dass man sehen konnte, wie es original ausgesehen haben muss, als es herauskam.  

Sinn- und Unsinn der Restaurierung: Ein herrliches Streitthema. Bei mir ist es ein reines Hobby (ich habe noch nie ein restauriertes Buch verkauft oder meine Hobby-Dienste für Geld angeboten). Sinn ist es, dass das Buch/Comic wieder in Form ist und möglichst komplett (Ein total defektes Tim Casterman Die schwarze Insel konnte ich für 40 Franken kaufen. Das Buch war noch komplett, aber in einem lausigen Zustand. Optisch ist es nun wieder in Z3, natürlich mit gewissen Abstrichen, denn eine durchgerissene Seite bleibt eine durchgerissene Seite, nur ist sie jetzt wieder am Stück). Restaurierungen an einem alten und defekten Buch sollen auch alt aussehen. Meiner Ansicht nach ist es zum Schreien, wenn man ein defektes Buch mit neuwertigem Hochglanzmaterial ergänzt. Das sieht danach aus wie die Schönheitsoperationen der Hollywoodstars: völlig unnatürlich.

Am Restaurieren interessant finde ich auch die jeweiligen Aufgaben, vor welchen man steht; man muss Lösungen suchen. Vor einiger Zeit habe ich mir z.B. überlegt, wie gelochte Comics restauriert werden könnten. Plötzlich kam dann der Blitzgedanke: man locht eine farblich passende Ersatzteil-Seite und nimmt dann die entstandene Lochung, also den herausgestanzten Teil, und verklebt diesen dann mit Japan-Papier-Fasern. Danach noch leicht übermalen und fertig ist die beinahe nicht sichtbare Reparatur. Lösungen für Probleme suchen hält auch geistig jung!

Die Restaurierung des Buches Miki Egér Óriásországban verlief in folgenden Schritten:

1. Was ist das für ein Buch? Ich habe noch nie davon gehört. Also rezitiere ich hier die Schlümpfe aus dem neuen Film: "ooohhhh Google". Nach kurzer Suche tauchen magere 2 Bilder dieses Buches auf. Eines davon ist sogar bedingt brauchbar. Hier kann ich nun erkennen, wie das Buch im Original ausgesehen haben muss, wichtig ist vor allem der braune Buchrücken.

2. Nun halte ich das Buch zum ersten Mal in den Händen und verschaffe mir einen Überblick. Buchrücken fehlt, Bindung fehlt, Klebestreifen an 3 Stellen (Vorder- und Rückseite); der Teufel hat dieses Zeug erfunden. Fehlstellen Vorderseite, oben und unten stark angegriffen. Das Papier ist - typisch für dieses Zeit - von minderer Qualität. Habe ich minderer gesagt? Nein, es ist noch schlimmer, es ist von katastrophaler Qualität.  

3. Zum Start wird das Buch im Vorher-Zustand fotografiert. Vorher/Nachher-Bilder machen immer Spass und lösen gelegentlich, wenn die Restauration besonders gut gelungen ist, einen AAAAHHHH-Effekt aus.

4. Zuerst setze ich den Buchblock wieder zusammen. Bei der Fadenbindung trickse ich, da die korrekte Bindung zu aufwendig ist (von Hand mit Nadel und Faden). Daher binde ich einzelblockweise von hinten nach vorne. Leider habe ich nur ganz weissen Faden, welcher nicht zum altersbedingten Zustand des Buches passt. Somit färbe ich den Faden von Hand ein.

5. Nun habe ich mehrere einzelne kleine Blöcke. Diese werden jetzt so genau wie möglich zum Buchblock zusammengestellt und mit Klammern festgehalten, damit sie nicht verrutschen. Jetzt schneide ich das Netz für den Buchrücken zu und leime es mit Planatol B auf den Buchblock. Somit haben wir schon mal einen Buchblock inkl. Fadenbindung. Sieht fast wie echt aus.

6. Jetzt beginnt der Kampf gegen die Pestpappe (das Klebeband). Die Klebestreifen werden mit Wundbenzin angefeuchtet, damit wird der Leim verflüssigt und die Streifen können abgelöst werden. Klappt bei den beiden oberen Streifen auf der Vorderseite prima. Beim dritten Streifen klappt es leider nicht so gut, das Material ist dermassen brüchig (was ich vor allem an den Kanten bereits festgestellt hatte, dort löst sich das Papier in mehreren Schichten auf), dass ein Teil des Druckes am Träger hängen bleibt. In einer längeren Übung kann ich dieses Fragment dann doch noch vom Klebeband lösen, allerdings ist es dermassen verklebt, dass es nicht mehr zu gebrauchen ist. Die Klebebänder auf dem hinteren Buchdeckel lösen sich gut, leider ist das Papier darunter nun heller als der Rest (was Mal-Arbeiten nötig machen wird).

7. Bevor das Buch nun zusammengesetzt wird, fangen die Mal-Arbeiten an. Dazu benutze ich Künstler-Aquarell-Farbstifte Typ Albrecht Dürer von Faber Castell (ein Tipp von einem Profi-Restaurator). Für die Fehlstellen drucke ich zuerst ein passend vergrössertes Fragment vom im Internet gefundenen Bild auf dem Farblaser aus und füge dies dann auf dem Buchdeckel ein. Nachdem der Leim trocken ist, wird der unnatürlich wirkende Farblaser-Ausdruck mit den Farbstiften übermalt. Die Rückseite ist wesentlich schwieriger, da die verblichene Farbe eines 70-80 Jahre alten Buches sehr schwierig zu treffen ist.

8. Nachdem alle Fehlstellen so gut wie möglich ersetzt und nachgemalt sind, folgt der Schlussspurt: Das Zusammensetzen des Buches. Zuerst beginne ich mit dem vorderen Buchdeckel. Original wurde - wie üblich - der braune Buchrücken unter dem bedruckten Titelblatt (ebenfalls auf der Rückseite) festgeklebt, damit man die Übergänge nicht sieht. Wäre das Papier nicht so brüchig, hätte ich diesen Teil mit einer scharfen Klinge angehoben und den neuen Buchrücken ebenfalls daruntergeschoben. Das Papier zerbröselt jedoch richtiggehend, weshalb ich dies bleiben lasse, sonst zerstöre ich noch das ganze Buch. Dasselbe wäre an den oberen und unteren Kanten möglich gewesen, allerdings mit demselben Ergebnis. Somit lasse ich diese lieber offen, was auch besser zum Zustand des Buches passt. Am Rand klebe ich den schwarzen Buchrücken fest (einen braunen hatte ich leider nicht an Lager und auch bei Boesner gab es zwar viele Farben, aber keinen braunen) und warte, bis dieser trocken ist. So weit, so leicht. Das Zusammensetzen mit der Rückseite ist dann schon schwieriger (daran übe ich noch) und prompt passiert dann ein kleiner, aber ärgerlicher, Fehler: unbemerkt "schleicht" sich ein bisschen Leim auf den Deckel und der Buchrücken bleibt daran haften. Trotz vorsichtigem Lösen bleiben kleine Spuren zurück. Somit habe ich dem alten, defekten Buch weitere Blessuren zugefügt. Nichts desto trotz ist das Ergebnis sicherlich besser als der Ausgangszustand. Das Ziel, dass das Buch einen Eindruck vermittelt, wie es einmal vor vielen Jahren ausgesehen hat, ist erreicht.  

Zum Schluss noch der Zeitaufwand: ich kann dies nicht genau sagen, da ich Schritt für Schritt und nicht durchgehend am Stück vorgegangen bin. Manchmal muss ich auch bei einem Problem ein bis zwei Tage verstreichen lassen, um eine Lösung zu finden. Der Aufwand dürfte sich irgendwo zwischen 5 und 10 Stunden bewegt haben, also in Hobby-Zeit gerechnet etwa eine halbe Stunde.

OFG

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Kostbare Kleinode aus Papier: Soll man sie "verschönern" oder nicht?

Bei jedem ernsthaften Comic-Sammler schrillen die Alarmglocken, wenn er das Wort "restauriert" im Zusammenhang mit seinem "Papier" hört. Soll man Comics überhaupt restaurieren? Steigert sich der Wert eines Comics nach der Restaurierung? Wird der Zustand des Objekts besser? Die Antworten: Eventuell, vielleicht und nein. Ja, eventuell lohnt es sich, ein kostbares Comic fachmännisch restaurieren zu lassen. Und ja, vielleicht kann man es nach der Restaurierung teurer verkaufen, wenn sich ein bereitwilliger Kunde findet. Aber der Zustand wird ganz bestimmt nicht besser. Und wieso nicht? Ganz einfach: Ein kostbares Comic ist in einem bestimmten Erhaltungszustand, und den kann man nicht "verbessern", indem man das Comic restauriert. Man kann wohl die Attraktivität - das optische Erscheinungsbild - des Comics steigern, aber nicht den ursprünglichen Erhaltungszustand.

Diese Aussage ist entscheidend, weil hier die grössten Missverständnisse entstehen. Viele Sammler - leider auch selbstgerechte "Fachleute" aus der Comic-Szene - meinen, ein sogenannt "sanft" restauriertes Comic würde einen Zustandssprung nach vorne tun, gewinne an Wert. Das ist ein Trugschluss. Wenn ein Comic mit "Zustand 2" klassifiziert wurde, dann wird es sich auch nach der Restaurierung im Zustand 2 befinden und nicht in einem besseren. Egal, wie "sanft" es restauriert wurde. Es wird dann eben ein "restauriertes Comic im Zustand 2" sein.

Worin liegt aber nun der Sinn einer Restaurierung, wenn nicht in der Verbesserung des Zustands und damit des Verkaufswerts? Die Antwort ist einfach: Eine fachmännische Restaurierung erhöht die Attraktivität eines Comics und damit automatisch auch seine Verkaufsattraktivität. Die Chancen, es verkaufen zu können, steigen. Besonders bei sehr kostbaren Comics kann sich eine Restaurierung lohnen, weil man unter Umständen schneller und einfacher einen Käufer findet. In jedem Fall gibt der seriöse Comic-Händler oder Comic-Sammler immer an, ob es sich um ein restauriertes Heft handelt.

Fassen wir zusammen: Ein seltenes, wertvolles Comic in einem mittelmässigen Zustand kann restauriert werden, um sein Aussehen zu verbessern und damit eventuell sogar seine Verkaufsattraktivität zu steigern. In keinem Fall wird sich sein Zustand durch eine Restaurierung ändern. Wenn man als Comic-Sammler das begriffen hat, wird man seine Schätze mit anderen Augen sehen. Und es wird immer Sammler geben, die ein 1000-Dollar-Comic im mittelmässigen Zustand dem selben 1000-Dollar-Comic in seinem restaurierten Zustand vorziehen werden. Warum? Weil an ersterem nichts verändert, nichts manipuliert wurde. Es ist in jedem Fall ein original "mittelmässig erhaltenes 1000-Dollar-Comic". Nach der Restaurierung mag es besser, schöner, glänzender aussehen, aber es ist eben nicht mehr in seinem ursprünglichen Originalzustand.

Genau so wird es auch immer Sammler geben, die das restaurierte Comic vorziehen, weil es optisch schöner aussieht. Und ein solcher Sammler wird dann eher bereit sein, die 1000 Dollar Marktwert für dieses optisch attraktivere Comic zu bezahlen...

Captain Collector

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