Autorenportrait Bernd Karwath

Wenn uns ein Wind der Gefühle streift, kann er flüsternd Dinge wecken, die das Brausen eines Sturmes nie erreicht. Dann kann ein Augenblick zu Bernstein werden, dessen Glut der Zeit entweicht. Wir sind an die Jahre gebunden, doch Träume und Ängste sind älter als wir. Mit Augen, die das Mögliche schauen, kann die Fantasie ihre Tiefen ergründen und sich Strömen anvertrauen, die in neue Quellen münden. Meine Geschichten versuchen es.

Bernd Karwath



"Als Kind", schreibt Bernd Karwath, "suchte ich Wunder. Heute ist mir die Kindheit ein Wunder." 1958 geboren, bestaunte er vor der Schulzeit ein Buch, dessen kühne Bilder Fenster öffneten ins Gestern, Heute und Morgen der Erde. Seither lässt ihn die Zeit nicht mehr los und der Blick, der das Rätsel des Wandels lehrt und das Auge an Fragen zum Sehen schult. Die Wandlungen seines eigenen Lebens ranken sich um Variationen eines Themas: Wege zu den Wundern von Natur und Existenz. - Die Schulzeit hat begonnen.

1999, während der Arbeit an einem Artikel über Michael Ende, notierte ich versuchsweise: "Der Fantast sucht in seinem Wesen das Wissen um das Unbewusste. Der Realist hält das Bewusste für das Wesentliche. Der Fantast schöpft aus Quellen, die unermesslich sind, auch unermesslich im Geschmack. Der Realist trinkt aus einem Becher und verkündet: So schmeckt es. Der Fantast entfaltet Realität, der Realist faltet sie zusammen. Der Fantast erschließt sich Wirklichkeit. Der Realist, im Glauben, ihr Kenner zu sein, verschließt sich ihr. Dürfen wir sagen - müssen wir sagen -, der Realist sei das, was er über den Fantasten sagt: ein Fantast, der nicht das Wahre wagt?"

Vom Sehen zum räumlichen Sehen. Vom räumlichen Sehen zum inneren Sehen: dem Vorstellungsraum. Der Sphäre, deren Nutzung mitbestimmt, was wir sehen und wie wir sehen. Dem Kind ist das nicht bewusst, aber die ungeheuren Länder des Lichts und des Dämmers, der Begeisterung und Faszination sind ihm so nah wie der eigene Schatten. Seine Vorstellung hat die Frische und Kraft des Funkelns im Wasserstrahl eines Springbrunnens, der zu keiner Zeit versiegt. Mir erschien es immer wichtig, diesen Quellen nah zu bleiben, sie mir zu erhalten und keine Facette der Möglichkeit, die sich dem Denken und Fühlen anbietet, dem vermeintlich Festen zu opfern. Eine Wanderung im Heute ist immer auch eine Wanderung durch alle Zeiten. Ein Bild ist nicht nur Farbe, sondern auch Gefühl. Eine Wolke nicht nur Wasserdampf, sondern Teil von Mythen. Die Geschichte der Entfaltung unseres Geistes liegt in allem, was wir sehen. Ihr nachzuspüren, führt durch Wälder von Worten und Reihen von Bildern, die sich dem faszinierenden Wechselspiel von Intuition und Logik öffnen. Darin liegen Erkenntnisschärfe und das Abenteuer unendlichen Wandels, Rausch und Ruhe, Brandung und Tiefe ... Die Ferne kann zur Nähe werden, die Nähe Tor zur Ferne.

Die Fantasie ist nicht allein Mittel der Erbauung. Ihre Möglichkeiten sind in einem sehr realistischen Sinn viel ekstatischer. Bei allen Formen progressiver Belastung, auf die wir mit einem Wachstum unserer Kapazitäten reagieren, ist sie mit der Intensität des Traumes der Pfad, der in die Zukunft führt: zur Zukunft der eigenen Verwandlung. Zur Wahrnehmung von Plastizität - der Formbarkeit im Geistigen wie im Körperlichen, wobei nicht genetische Grenzen hemmen, sondern die Überschätzung ihres Verlaufs.

Darum ist die Freundschaft zum Fantastischen eine Reise in das Ich. Nicht ins Ich des Namens, sondern ins Namenlose. Dort, wo die Ressourcen sind für die Träume aller Menschen - und ihrer Alpträume. An ihrer sprachlichen Erfassung wirken folgerichtig viele mit: alle, die vor uns sprachen und uns in der Überlieferung ihres Sprachgebrauches die Wortnetze vermachten, in denen wir aus dem Meer der Wirklichkeit schöpfen. Und im engeren Sinne diejenigen, deren geschriebene Sprache uns blieb.

Mein Versuch zu schreiben verdankt sich dem Gelesenen. Aber auch dem Kino. Und den Schreibern von Noten. Und natürlich wirkt dabei mit und nach, dass meine Kindheit in ein Jahrzehnt fiel, das aufgeladen war mit der Vorstellung vom Flug zum Mond und damit auch mit Flügen in den Vorstellungsraum. Das Taschengeld für Treibstoff war knapp bis nicht vorhanden, aber im "space of imagination" herrschte Überfluss an Platz für die Time-Life-Bilder der Welt, in der wir leben, Moglis magisches Indien, Bombas amazonischen Dschungel, Ren Dharks "Nosferatu"-Nogks und Thoras Kampfroboter in SOS aus dem Weltraum (Walter Ernsting alias Clark Darlton, 1968) - ein Jahr vor dem kleinen Schritt ins unumkehrbar Große. Der NASA uneinholbar weit voraus: Dietmar Schönherrs James-Dean-Stimme an Bord des Schnellen Raumkreuzers Orion in der 60er-Jahre-Utopie "von übermorgen". Und irgendwie waren die Mysterious, die Frogs und Lex Barker/Pierre Brice nicht allzu weit entfernt von riesenbehausten Wäldern deutscher Sagen oder Kämpfen am skäischen Tor. Das stimmlose Krokodil aus Alexander Kordas Dschungelbuchverfilmung ordnete sich im Dienstgrad seiner Gräulichkeit - es war ja auch schwarzweiß - dem Glasscherbenbass des grinsenden Drachen aus der liebreizend anmoderierten Puppenkiste unter. Milchgeld im Konsum wanderte unter strikter Beachtung der Elastizität von Haushaltsrichtlinien in Literatur über Bruce Wayne und Clark Kent. Im Fernsehen tummelten sich Taucher, Fallschirmspringer, Lianenschwinger, Barny Geröllheimer und englische oder osteuropäische Jungen und Mädchen mit einem besonderen Talent für Abenteuer. Aber der Tunguse in einer Frühverfilmung von Wladimir Arsenjews Buch über Vermessungen in der Taiga sprach eine andere Sprache. Und über dem Schluss von Weinlands Rulaman hing eine nie gekannte Stille.

Ich werde an dieser Stelle von Printmedien so wenig loskommen wie bei Umzügen. Ich bin zwar in Biberach an der Riß geboren (1958), lebte ab 1971 an der Schwäbischen Alb und begrünte mich im Kalten Krieg mit der Uniform des Fernschreibers (1977-79), aber Schul- und Dienstjahre waren inoffizielle Lehrjahre im Dienst der Geschichte und Geschichten: geistig-emotionale Schwimmbewegungen in den Worten Otto Zierers und eines gestrandeten Arkoniden sowie das Studium künftiger Weltgeschichte in verschiedenen Auflagen einer gehefteten Enzyklopädie bei Moewig und bei Pabel. Nach einer Vorspeise in der Comic-Reihe Illustrierte Klassiker läutete Big Ben mit seinem von Blitzen geschüttelten Zifferblatt und den Klängen Russ Garcias den Namen H. G. Wells ein. Die Einnahme des Desserts erfolgte in einer bunkerträchtigen Nachtschicht als Fernschreiber: als halsbrecherischer Abstieg in die Höhlen der Morlocks, mit einem Diogenes-Taschenbuch als Reiseführer ... Der Kulturschock war beträchtlich: Wells' Werke - Geschichte(n) aller Zeiten - hörten nicht mehr auf zu leuchten, woran auch eine von ihm beschriebene Sonnenfinsternis nichts änderte. Nicht nebenbei bemerkt lag in der Tonne bei Diogenes auch, oh Wunder, Ray Bradbury, tätowiert wie Queequeg, mit einer Handvoll Zimt, Kristall und Mars.

Zu einer Zeit, als Tübinger Lokalkolorit atmosphärische Verbindungsfäden ins moderne Mittelalter Biberachs spann, ergänzte Hoimar von Ditfurth H. G. Wells im Geist, der nicht vom Himmel fiel. Als Zeitreisender mit Interesse an gewissen Strukturen im 20. Jahrhundert schrieb ich juristische Hausarbeiten, schrieb mich um in Ökonomie mit Amerikanistik und wurde Mitglied des Ersten Deutschen Fantasy Clubs mit festem Sitz in Passau.

Seit den 80er Jahren liegt mir das Experiment des Dichtens am Herzen: eine Sichtweise oder einen Bewusstseinsmodus zu erproben und als schriftliche Momentaufnahme festzuhalten. "Time is a riddle of consciousness, solved only by oblivion." Und dadurch den Umgang mit Sprache zu üben, die uns ebenso spricht wie wir sie. Könnten wir uns in ihr erkennen! Wir bewegen uns in den Welten unserer Gedanken und Gefühle wie Wesen, die nur verschwommen sehen. Sich in Richtung auf mehr Klarheit zu tasten, ist für das Individuum dasselbe Abenteuer wie für die Menschheit als Ganzes: eine Floßfahrt auf Wildwassern, bei der uns jene helfen können, die eine verzerrte Anschauung gern in Tempel verbannt - die Kunst, die Literatur, die Wissenschaft.

Eine Zeit lang ergänzte ich das Malen in Wortbildern durch das Malen mit Pixeln am Computer. In Zusammenarbeit mit meinem Bruder Jörg alias Joey, dem Lord of the Bits, kam 1990 das Spiel Das Schwert Skar bei "Markt und Technik" heraus. Grafische Arbeiten für Das Schwarze Auge von "Fantasy Productions" folgten. Wege vom Unbestimmten, Verschwommenen ins bildhaft Klare. Entdeckungen in Farbe, Licht und Schatten.

So ist es auch mit Geschichten von mir, die im Laufe der Zeit wie Gedichte mit größeren Blüten entstanden. Pfade ins Phantastische (1996) hieß Jubiläumsband Nr. 100 des Magazins Fantasia, und Pfade ins Fantastische eröffnet auch das Magazin Exodus. Meine Worte suchen solche Wege ins Unbewusste. Sie kommen dabei an ein Meer, dessen Funkeln und dessen Dunkeln sie in ihren Zügen erwidern, wie ein Bumerang, der Kreise zieht.